Wohnen der Religionen und Kulturen in der Hacketäuerstraße in Mülheim

An einem der letzten warmen Oktobertage läßt sich mittags in jedem Winkel der geschäftigen Baustelle erahnen, welches Potential in dem großen alten Wohnhaus an der Hacketäuerstraße steckt. Die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes ist in vollem Gange. Beim Gang durch das Haus und über das Grundstück zeigt Architekt Stefan Stentenbach, wie weit die Renovierungsarbeiten der zehn Wohnungen bereits fortgeschritten sind. Nachdem Kirchengemeinde, Stadt Köln und Denkmalschutz über Jahre miteinander um Möglichkeiten des Umbaus und der Modernisierung gerungen haben, geht es nun in großen Schritten voran.

Das Leben in diesem Viertel ist bunt und vielfältig. Man braucht nicht lange, um das auch in der Hacketäuerstraße zu erleben. Hier trifft man Menschen „aus allen Sprachen, Stämmen und Völkern“, hört alles von Kölsch bis Arabisch. Wer auf dem gegenüberliegenden Trottoir stehend den Kopf in den Nacken legt, um die Fassade in Gänze betrachten zu können, wird in ihrem höchsten Giebel ein großes Kreuz ausmachen. Tatsächlich ist das Haus ein kirchliches Haus. Es gehört zum Stiftungsvermögen der Kirchengemeinde St. Clemens und Mauritius, und ein besonderer Fokus des Stifterwillens war das Wohl von Kindern.

Für die Kirchengemeinde ist es ein großes Anliegen, in Zeiten knappen Wohnraums das Gebäude endlich wieder auf allen Etagen mit Leben füllen zu können. Die großen Wohnungen mit ihren hohen Altbaudecken und den abgezogenen Dielen sind wie gemacht für Familien mit Kindern. Gleichzeitig weiss sich die Gemeinde dem Gedanken der Vielfalt verpflichtet. Köln-Mülheim hat eine lange Tradition des Zusammenlebens Angehöriger verschiedener Konfessionen und Religionen. Diese Vielfalt hat durch die neu angekommenen Geflüchteten seit 2015 neue Facetten gewonnen, wie die Erfolgsgeschichte der lokalen Willkommenskultur zeigt. So lag es nahe, bei den Überlegungen, wie das Haus in der Hacketäuerstraße künftig genutzt werden soll, auch Familien von Geflüchteten in den Blick zu nehmen. Der Neustart nach der Sanierung will deshalb gut geplant und durchdacht sein.

Partner in den Überlegungen seitens der Kirchengemeinde und ihren Gremien wie insbesondere dem Stiftungsrat und der AG Geflüchtete ist dabei die Christlich-Islamische Gesellschaft e.V. geworden.

Dieser Verein, in dessen Vorstand Pfr. Stefan Wagner seit Jahren aktiv mitwirkt, setzt sich für das Miteinander von Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslimen ein. Seit 1982 arbeiten Angehörige beider Religionen gemeinsam für den interreligiösen Dialog und den Abbau von Vorurteilen. 2011 wurde die Christlich-Islamische Gesellschaft als Preisträger des Wettbewerbs „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ geehrt. Dieser Wettbewerb geht auf eine gemeinsame Initiative der Bundesministerien des Innern und der Justiz zurück, das „Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt“ (BfDT) und zeichnete ein interreligiöses Seelsorge-Projekt der Christlich-Islamischen Gesellschaft aus. Insbesondere Pfarrangehörige aus Buchheim kennen die Christlich-Islamische Gesellschaft seit Jahren auch als Mieter im Pfarrhaus an St. Mauritius, wo sich in der ersten Etage die Geschäftsstelle des Vereins befindet. 2015 wirkten viele Pfarrangehörige am Filmprojekt der Christlich-Islamischen Gesellschaft „Mein Gott Dein Gott – Glaube im Austausch“ mit, bei dem Christen aus ¬St. Clemens und Mauritius und Muslime aus der Faith-Moschee in Nippes gegenseitig ihre Gotteshäuser besuchten.

Vielfalt will gestaltet werden, wenn sie mehr sein soll als bloßes Nebeneinanderher. Der Genius Loci der Hacketäuerstraße und die Zeichen der Zeit drängen dazu, hier die Chance zu nutzen, einen Mehrwert zu schaffen, der über blosses Wohnen hinausgeht.

Könnte man nicht hier einen Ort entstehen lassen, an dem Menschen unterschiedlicher religiöser Tradition und unterschiedlicher Herkunft miteinander eine Hausgemeinschaft bilden? Von der kölschen Familie über die türkische bis zu den Neuangekommenen der letzten Jahren? Christliche, muslimische, vielleicht auch aus noch weiteren Religionsgemeinschaften stammende oder religiös weniger musikalische Bewohnerinnen und Bewohner, die der Wunsch verbindet, einander kennen zu lernen und von einander zu lernen?

In Zeiten, in denen Herkunft und Religionszugehörigkeit immer wieder instrumentalisiert werden, um Gräben aufzuwerfen und Demarkationslinien zu ziehen, möchten wir den umgekehrten Weg gehen und zeigen, dass ein gutes Zusammenleben möglich ist und dass es sich lohnt, sich darauf einzulassen. Ganz von alleine funktioniert das nicht immer, deshalb möchten wir der neuen Hausgemeinschaft in der Hacketäuerstraße Starthilfe in diese Richtung mitgeben. Ein Mehr-Religionen-Haus soll entstehen.

Insbesonders Geflüchtete stehen auf dem Kölner Wohnungsmarkt vor großen Problemen. Nicht selten wird ihre schwierige Lage noch verstärkt durch Vorbehalte von seiten möglicher Vermieter. Auch dieser Aspekt soll zum Fokus des Projektes gehören. Es möchte Ansprechpartner auch für Vermieter sein, die bisher vielleicht noch davor zurückschrecken, Wohnraum an Geflüchtete zu vermieten. So will das Projekt nicht nur darauf hinwirken, die Hausgemeinschaft zu unterstützen, einen Weg gelebter Integration zu beschreiten, sondern auch die Vernetzung in die Nachbarschaft hinein fördern und die gewonnenen Erfahrungen mit denen teilen, die sich hoffentlich ermuntern lassen, ähnliches zu wagen.

„Interreligiöses und interkulturelles Zusammenleben, verbindendes Mit- und Füreinander über die Grenzen von Religionen und Kulturen hinweg, zu leben und zu ermöglichen, ist ein Auftrag, dem sich die Katholische Kirche seit dem II. Vatikanischen Konzil verpflichtet weiss. Für uns konkret in Mülheim, Buchheim und Buchforst, in unserer Gemeinde, ist es eine Herausforderung, der wir uns stellen“, hält
Pfr. Stefan Wagner fest, während wir im Innenhof vor unserem geistigen Auge einen Spielbereich für die Kinder entstehen lassen und mit Stefan Stentenbach die Möglichkeiten für Gemeinschaftsflächen eines solchen Wohnprojekts erörtern.

Der Arbeitstitel des Projekts, der dabei immer wieder fällt, ist „Haus Cordoba“. Diese Assoziation speist sich aus der Gewissheit der Projektinitiatoren, dass wir nicht über eine Utopie sprechen, sondern im Gegenteil, in schwierigen Zeiten, in denen viele Menschen eben nicht mehr davon überzeugt sind, dass wir als Angehörige verschiedener Religionen und Weltanschauungen gut zusammenleben können, diesem Pessimismus einen historischen Anknüpfungspunkt entgegenhalten können. Im zehnten Jahrhundert war das andalusische Cordoba eine der größten Städte der Welt, ein Ort, an dem Kunst, Kultur und Wissenschaft blühten, eine Stätte der Zivilisation, nicht obwohl, sondern weil in ihren Mauern Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenlebten.

Interreligiöser Dialog ist für die Christlich-Islamische Gesellschaft nie nur Reden miteinander, kein Selbstzweck, sondern immer auch gemeinsames Tun. Hülya Ceylan, die Vorsitzende, steht voll hinter der dem Projekt: „Wir hoffen, dass aus dem Haus Cordoba ein Leuchtturm wird. Wir wollen als Christlich-Islamische Gesellschaft hier auf einer sehr konkreten Ebene das Miteinander von unterschiedlichen Kulturen und Religionen als gelebte Praxis in den Mittelpunkt stellen und wirklich etwas bewegen.“

„Alles wahre Leben ist Begegnung“, lehrt der jüdische Philosoph Martin Buber. Begegnung wird aber zur Mangelware, wenn man sie nicht immer wieder sucht. Dazu soll das Wohnprojekt „Haus Cordoba“ ermutigen, befähigen und Gelegenheit schaffen. Aus blosser Vielfalt soll Begegnung werden – wahres Leben eben!

 

„Mein Gott Dein Gott – Glaube im Austausch“
Der Film wurde im Jahr 2015 durch die Medienagentur  Publicis Pixelpark realisiert  und ermöglicht.

Gruppierungen im Veedel

Kurzprofile der mit der Kirchengemeinde verbundenen Gruppierungen

CAJ (Christliche Arbeiterjugend) Schäl Sick

Jugendzentren

KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung)

kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands)

Tips der Redaktion


 

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