Im Gespräch mit Frau Marlene Hüls (84)

Guten Tag Frau Hüls, ich darf Sie besuchen, um mit Ihnen über „Weihnachten früher und heute“ zu sprechen. Sie haben mir gesagt, Sie wären 1934 geboren. Sie haben also auch die Kriegsjahre als Kind miterleben müssen.
Hüls: Wir wurden mit der ganzen Familie zum Ende des Krieges 1944, als schon alles ausgebombt war, nach Schlesien evakuiert. Es war für uns großes Glück, in der Nähe von Glogau in Herrndorf unterzukommen. Wir lebten dort beim Baron mit hunderten anderen Geflüchteten – hatten es dort aber relativ gut.
Das Schloß war eine riesige herrschaftliche Anlage mit mehreren Bauern, die sich für den Baron um Schafe, Pferde, Kühe und die ganze Landwirtschaft kümmerten. Hier konnte ich meine Liebe zu Pferden pflegen, auch wenn ich mich vor dem Verwalter immer verstecken mußte.

Die Frau des Barons erkannte sehr schnell, welche Fähigkeiten meine Mutter mitbrachte. Weil meine Mutter so akkurat und gewissenhaft arbeitete, bekamen wir bald eigene Zimmer für uns und konnten die oberen Stockwerke der anderen Flüchtlinge verlassen. Dort haben wir kein Weihnachten gefeiert, weil wir dann schon wieder auf der Flucht waren. Zuerst kam die deutsche Wehrmacht, die auf ihrem Rückzug war. Später folgten die Russen. Unsere Flucht war dramatisch: bei minus 28 Grad gingen wir 12 Stunden am Tag durch Eis und Schnee, um noch rechtzeitig gerettet zu werden. In einem großen Zug von Wagen und Menschen konnte meine Mutter auf dem Kutschbock des Milchmannes (der auch Schmied war) sitzen mit meinem kleinen Bruder auf dem Arm. Die Familie des Milchmanns saß im warmen Wagen und in den Pausen gaben sie uns nichts ab. Ich selbst ging neben dem Wagen her. Viele kamen um oder konnten den Weg nicht schaffen.

Dass meine Mutter und mein Bruder nicht erfroren sind, ist ein Wunder. Über Dresden und Gera kamen wir dann 1947 wieder nach Köln.
Einmal haben wir eine Pause gemacht und waren in einem Wirtshaus, wo die Wirtin uns einen großen Topf Milch zubereitete. Sie sah sehr traurig aus und weinte. Ich fragte sie, warum sie weinte. Sie sagte, ihr Mann hätte heute einen Herzschlag bekommen, als er hörte, er müsse Haus und Hof verlassen. Er läge tot oben im Haus. Obwohl ich extrem hungrig war, konnte ich nichts trinken von der heißen Milch. Ich weiß nicht warum, aber in einem Haus mit einem Toten konnte ich die sehnlich erwartete Milch nicht trinken.

Das hört sich sehr schlimm an, und viele mußten solche Zeiten erleben. Haben Sie denn vor der Evakuierung und in den Nachkriegsjahren Weihnachten feiern können?
Hüls: Ja, in der Familie wurde immer Weihnachten gefeiert! Es war immer schön – auch wenn wir nicht viel hatten.

Was haben Sie denn geschenkt bekommen?
Hüls: Ich wollte als kleines Mädchen immer ein Pferd haben, ein „lebendiges“ , versteht sich. Auf die Frage, wo das Pferd denn überhaupt stehen sollte, sagte ich meinem Vater „ Du kannst die Veranda umbauen für das Pferd!“ (Frau Hüls lacht) Ein lebendes Pferd habe ich nicht bekommen, aber eines aus Holz!

Erinnern Sie sich noch an andere Geschenke?
Hüls: Einmal bekam ich eine Art Kaufmannsladen mit vielen kleinen Schubladen. Ein anderes Mal ein schönes Püppchen.
Immer gab es aber auch einen Teller mit Selbstgebackenem von der Mutter. Es war immer schön!

Wie sahen sonst die Feiertage aus?
Hüls: Wir gingen immer in die Kirche in Buchforst zu Pfarrer Wagner (nicht zu verwechseln mit dem heutigen Pfarrer Wagner). Das war selbstverständlich. Es war schön, in der Familie mit meinen Geschwistern zu feiern, auch wenn ich natürlich mit meinen beiden Brüdern so manchen Streit ausfechten mußte. Eine Krippe baue ich bis zum heutigen Tag immer auf.

Haben Sie sich an Weihnachten auch immer schick angezogen?
Hüls: Schön angezogen war ich immer. Meine Mutter nähte die Kleider immer selber. Das war toll. Darüber trugen wir Mädchen immer eine Art „Schürzchen“.
Die Haare wurden natürlich auch schön gemacht. Wir bekamen zwei „Zöpfchen“ gebunden und sagten dazu „Propeller“! (lacht wieder) Und: schön war es immer!

Liebe Frau Hüls, ich danke Ihnen sehr für den Einblick in ihr sehr wechselvolles Leben, den Sie uns gegeben haben. Trotz allem Schlimmen, was Sie erleben mussten, konnte ich aber immer spüren, wie wichtig es für Sie und Ihre Familie war, jedes Jahr Weihnachten zu feiern, selbst in den dunkelsten Kriegs-Jahren.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
Dieses Interview führte Wolfgang Obermann

Fotokredit: Silke Grimm


 

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