„Ein Schrank mit oder ohne Orgel“ – eine alte Dame findet ihr Zuhause in Köln-Mülheim

Anfang der 2000er Jahre bekam ich von meiner Kollegin Elisabeth Bußmann einen interessant klingenden Tipp: im Lager der Orgelbaufirma Willi Peter in Köln-Mülheim sei eine kleine alte Orgel deponiert, die als Dauerleihgabe Platz in einer unserer Kirchen finden könnte – diese Möglichkeit sollte näher untersucht werden. Schon beim ersten Ansehen und Anspielen des Instrumentes war ich begeistert vom Aussehen und besonders verzaubert vom zarten feinen Klang des Instrumentes, sodass kurzfristig die Aufstellung in der Kapelle der Buchforster Bauhauskirche St. Petrus Canisius veranlasst wurde.

Der bekannte Cembalist Prof. Harald Hoeren hatte das Instrument von der verstorbenen hochbetagten Freifrau von Pechmann geerbt, in deren Kölner Räumlichkeiten die Orgel vorher stand. Über die Geschichte des Instruments im 18. und 19. Jahrhundert ist bisher nichts bekannt. Im Jahre 1942 jedenfalls erwarb das Ehepaar von Pechmann das Objekt von einem Kölner Antiquitätenhändler für 6000 RM: „Der Schrank soll mit oder ohne Orgel die gleiche Summe kosten …“.

Nach einigen Jahren in Buchforst zog das Instrument 2012 noch einmal um in die schöne ehemalige Schifferkirche St. Clemens am Mülheimer Rheinufer; diese ist für ihre feine Akustik bekannt und stellt durch Konzerte und Kunstausstellungen einen kulturellen Anlaufpunkt dar. Hier konnte die Orgel sowohl im Gottesdienst wie konzertant benutzt werden, bis sich schließlich herausstellte, dass die Mängel an Balg, Pfeifen und Tastatur immer größer wurden und v. a. eine angemessene Stimmung gar nicht mehr möglich wäre, ohne den historischen Pfeifenbestand zu schädigen. Die Gemeinde konnte das Instrument, dessen ursprüngliche Herkunft noch nicht bekannt war, schließlich auch dank Unterstützung einer Stiftung käuflich erwerben und dann unter Mithilfe von Sachverständigen und verschiedenen Orgelbauern eine Renovierung nach mehreren Umwegen in Angriff nehmen. Bislang wurden schon verschiedene Vermutungen angestellt, ob die Orgel deutschen oder niederländischen Ursprungs sein könnte, zeitlich wurde stets von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgegangen. Im Buch „Het Nederlandse huisorgel in de 17de en 18de eeuw / Die niederländische Hausorgel im 17. und 18. Jahrhundert“ von Arend Jan Gierveld (Utrecht 1977) entdeckte ich schließlich ein Foto, das aufmerken ließ: eine fast identische Hausorgel von Hendrik Hermanus Hess (1735-1794, Gouda). Wenig später fanden sich im Internet Informationen über die 2012 restaurierte Hess-Orgel der Jacobikerk in Utrecht sowie eine weitere in Obergum/NL. Damit verdichteten sich die Hinweise immer mehr, bis dann tatsächlich während der Renovierungsarbeiten der Schriftzug Hess in den Pfeifen gefunden wurde. Im März 2020, wenige Tage vor dem coronabedingten Lockdown, konnte schließlich Orgelbaumeister Eckehard Lüdke das Instrument in der Clemenskirche abholen, um es in den folgenden fünf Monaten in Kevelaer zu restaurieren. Der Orgelbauer berichtet: „Das Instrument wurde vollständig demontiert, um von Grund auf alle Gegebenheiten in einen sachgerechten Zustand zu bringen und eine langfristige Zuverlässigkeit sämtlicher Funktionen zu gewährleisten, eingeschlossen die partielle Optimierung mancher Gegebenheiten des 1963 umgebauten Werkes. Ein Schwerpunkt der Maßnahme lag auf der grundlegenden Überarbeitung der sehr schwergängigen, als besonders unangenehm zu erlebenden Tonmechanik. Die grundlegende Maßnahme hat zu einer Rückführung der Technik auf den von Hess angelegten Zustand geführt – das Instrument ist leichtgängig und seinem Charakter gemäß zu spielen. Die wertvolle, elfenbeinbelegte Klaviatur, deren Beläge sich geworfen hatten und die zahlreiche Fehlstellen aufwies, wurde durch einen Restaurator behutsam und fachlich optimal aufgearbeitet. Ein weiterer Schwerpunkt der Maßnahmen ist die Renovierung des partiell erheblich beschädigten Pfeifenbestandes gewesen, der sich nun wieder in einem guten Zustand befindet und dessen dem Werk entsprechende Nachintonation und Stimmung den Abschluss dieses Maßnahmenpaketes bildete.“

Am 9. September 2020 fand in der Kirche die Abnahme der zur äußersten Zufriedenheit ausgefallenen Arbeiten durch die Organisten der Gemeinde und des Orgelsachverständigen Eckehard Isenberg statt. Ein erstes Konzert am 20. September 2020 mit Musik für Sopran und Orgel mit Martina Lins (Sopran) und Thomas Reuber (Orgel) ließ die wiedergewonnene klangliche Schönheit des kleinen Instrumentes mit Werken u. a. von Frescobaldi, Monteverdi und Mozart der Öffentlichkeit hörbar werden.

Weitere Konzerte werden folgen, ebenso wie auch eine rege Nutzung in der Liturgie, da die Clemenskirche aufgrund ihrer Lage nicht zuletzt für Hochzeiten äußerst beliebt ist.

Thomas Reuber Disposition der Orgel: Hohlpfeife 8‘ Bass/Diskant Flöte 4‘ Bass/Diskant Quinte 2 2/3‘ Bass/Diskant (Prospekt) Oktave 2‘ Bass/Diskant Quinte 1 1/3‘ Diskant Praestant 8‘ Diskant Tremulant Ein Manual, geteilte Lade bei c‘, 276 Pfeifen, a‘ = 440 Hz, Stimmung nach F. A. Valotti (1687-1780) Literatur: Gierveld, Arend Jan: Het Nederlandse huisorgel in de 17de en 18de eeuw, Utrecht 1977

www.clemens-mauritius.de


 

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