Im Gespräch mit Erik Gödel, Gruppenleiter des Stamms St. Gilwell, Köln-Stammheim
Pfadfinder-Sein als Lebenseinstellung
Die Pfadfinder-Bewegung ist mehr als 100 Jahre alt und über die ganze Welt verbreitet. In Stammheim
treffen sich die rund 90 Mitglieder des Stamms St. Gilwell regelmäßig zu Gruppenstunden, Ausflügen
und Fahrten. Wir haben mit dem Pfadfinder Erik Gödel gesprochen.
Stell dich doch bitte erstmal vor!
Ich bin der Erik und seit über 20 Jahren bei den Pfadfindern. Ich habe mit sieben Jahren als kleinstes
Mitglied bei den „Wölflingen“ begonnen. Seit über zehn Jahren bin ich Gruppenleiter, das heißt, ich
mache jede Woche Programm mit den Kindern und bin für sie auf Fahrten verantwortlich. Seit neuestem
bin ich in unserem Stamm auch Kurat.
Was versteht man darunter?
Bei uns gibt es zwei Vorstände, die verantwortlich für das Organisatorische sind. Der dritte Vorstand
ist der Kurat. Einerseits ist er der Seelsorger des Stamms, zu dem jeder kommen kann, wenn er irgendein
Problem hat. Andererseits ist er das Verbindungsglied zwischen den Mitgliedern, vor allem den
Kindern, und dem Glauben ganz allgemein.
Kann man Seelsorge aus dem Bauch heraus machen oder braucht man dafür eine spezielle Ausbildung?
Wenn man schon so lange wie ich dabei ist, hat man die meisten Wehwehchen der Kinder schon einmal
erlebt und hat aus Erfahrung ein Gespür dafür, wie man damit umgehen muss. Für den Posten des
Kurats ist keine spezielle Ausbildung zum Seelsorger verpflichtend. Man muss aber eine Kuraten-
Ausbildung über vier Wochenenden durchlaufen. Da geht es zunächst um Selbstfindung, aber dann auch
darum, wie man den Kindern dabei helfen kann, den Glauben zu finden. Denn wir wollen nichts vorschreiben.
Es ist also nicht zwingend nötig, dass man katholisch oder evangelisch ist, um Pfadfinderin oder
Pfadfinder zu sein?
Ursprünglich vom Engländer Robert Baden-Powell 1907 gegründet, war die Pfadfinder-Bewegung christlich
geprägt. Inzwischen ist sie über die ganze Welt verbreitet und nicht an einen bestimmten Glauben
gebunden. Unser Stamm ist Mitglied der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG), eines katholischen
Pfadfinder-Vereins. Das bedeutet aber nicht, dass man katholisch sein muss. Ich bin zum Beispiel
evangelisch. Man muss auch nicht christlich sein, um bei uns Mitglied zu werden. Jede und jeder ist
herzlich eingeladen.
Du bist seit klein auf bei den Pfadfindern. Was hat dich so lange dabei gehalten?
Bei uns wird besonderer Wert auf das Beisammensein, das Gruppengefühl gelegt. Damit bin ich aufgewachsen.
Ich habe bei den Pfadfindern viele Freunde gewonnen, die meisten sind, wie ich, immer noch
dabei. Für mich ist es mehr als ein Hobby. Es ist eine Lebenseinstellung.
Gucken deine Altersgenossinnen und -genossen komisch, wenn du sagst, du seist Pfadfinder mit
Leib und Seele?
Mittlerweile nicht mehr so. Bei den 25- bis 35-Jährigen sind die Klischees nicht mehr ganz so ausgeprägt.
Aber ab und zu läuft man schon jemandem über den Weg, der aus Filmen die amerikanischen Scouts im
Kopf hat, die Bäume umarmen.
Seid ihr häufig an der frischen Luft?
Wir treffen uns in der jeweiligen Gruppe wöchentlich an einem Tag für anderthalb Stunden – nach
Möglichkeit draußen. Wir haben vor der Nase den Schlosspark und direkt an der Kirche St. Mariä Geburt
unsere Feuerstelle. Wir sind schon viel draußen. Dazu kommen die fünf bis sechs Fahrten, die wir
alljährlich organisieren. Nur eine davon geht in eine feste Unterkunft, bei den anderen zelten wir.
Wohin führen die Fahrten?
Wenn wir Wochenendfahrten machen, bleiben wir in der Nähe. Aber bei den Sommerlagern in Deutschland
waren wir zuletzt deutlich weiter weg: an der Nordsee, der Ostsee, in Bayern, am Bodensee. Wir
sind aber auch schon in andere Länder gefahren, zum Beispiel nach Österreich, Italien oder Schweden.
Viele Jugendliche schauen ständig auf ihr Handy. Gibt es bei eurem Stamm ein Smartphone-Verbot?
In den Gruppenstunden der drei jüngsten Altersstufen haben wir ein Handyverbot. Denn wir wollen
sicherstellen, dass die Kinder die Natur erleben und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. Auch auf
Fahrten achten wir darauf, dass die Smartphones bei gemeinsamen Aktionen in den Taschen bleiben.
Angenommen Eltern – etwa aus Mülheim, wo es keinen Pfadfinder-Stamm gibt – wollen ihr Kind zu
eurem Stamm schicken. Wie groß sind die Chancen, aufgenommen zu werden?
Wir mussten wegen der großen Nachfrage für die Gruppen der Jüngsten und Zweitjüngsten Wartelisten
einrichten. Aber wenn ihr zu uns kommen wollt, macht das gerne! Wir nehmen jede und jeden auf –
wenn wir Platz haben. Wichtig ist, dass die Kinder an unseren Gruppenstunden teilnehmen können, da wir einen besonderen
Fokus auf Gemeinschaft und Gruppenbildung legen. Das funktioniert nur, wenn die Kinder regelmäßig dabei sind.
Auf unserer Internetseite www.stammgilwell.de findet ihr die wichtigsten Informationen und Ansprechpartner.
Dieses Interview führte Stefan Nestler
Foto: Silke Grimm